Wer sich mit Schlaf beschäftigt, stösst irgendwann auf Glycin. Bevor es um Wirkung geht, lohnt sich der nüchterne Blick: Was ist das überhaupt?
Die einfachste Aminosäure, die es gibt
Glycin ist die kleinste der zwanzig proteinbildenden Aminosäuren — so klein, dass sie an Stellen passt, an denen keine andere Platz hätte. Genau deshalb sitzt sie dort, wo es eng wird: in der Tripelhelix des Kollagens, wo jede dritte Position von Glycin besetzt ist. Ohne diese Winzigkeit liesse sich die Struktur gar nicht falten.
Kollagen macht rund ein Drittel des gesamten Proteins im menschlichen Körper aus. Damit ist Glycin eine der mengenmässig bedeutendsten Aminosäuren überhaupt — in Haut, Sehnen, Bändern, Knorpel und Knochen.
Was der Körper damit anstellt
Glycin ist kein Einzweckstoff. Es taucht an mehreren Stellen im Stoffwechsel auf:
- Baustein für Kollagen — also für Bindegewebe, Haut und Gelenkstrukturen.
- Vorstufe von Glutathion, einem der wichtigsten körpereigenen Antioxidantien. Glutathion besteht aus drei Aminosäuren, eine davon ist Glycin.
- Beteiligt an der Kreatinbildung, die für die Energiebereitstellung in Muskel- und Nervenzellen eine Rolle spielt.
- Botenstoff im Nervensystem — im Rückenmark und Hirnstamm wirkt Glycin als hemmender Neurotransmitter, ähnlich wie GABA. Es dämpft, statt anzuregen.
Der letzte Punkt ist der Grund, warum Glycin überhaupt in Verbindung mit Schlaf untersucht wurde. Was die Studien dazu hergeben — und wer sie durchgeführt hat — haben wir in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben.
Wo Glycin herkommt
Der Körper kann Glycin selbst herstellen, vor allem aus Serin. Deshalb gilt es als nicht-essenziell — man ist nicht darauf angewiesen, es zu essen.
Ganz so einfach ist es aber nicht. Die Eigenproduktion liegt grössenordnungsmässig bei wenigen Gramm täglich, während der Bedarf allein für die Kollagenerneuerung höher geschätzt wird. Fachleute sprechen deshalb gelegentlich von einer bedingt essenziellen Aminosäure: meistens reicht es, unter besonderer Belastung womöglich nicht.
Über die Nahrung kommt Glycin vor allem aus den Teilen des Tieres, die heute selten auf dem Teller landen:
- Knochenbrühe und Gelatine — mit Abstand die reichsten Quellen
- Haut, Knorpel und Sehnen — also das, was früher mitgekocht wurde
- Fleisch und Fisch — deutlich weniger, aber regelmässig
- Hülsenfrüchte und Samen — pflanzliche Quellen in kleineren Mengen
Wer ausschliesslich Muskelfleisch isst, nimmt spürbar weniger Glycin auf als jemand, der die ganze Bandbreite verwertet. Das ist keine Mangelwarnung, sondern eine Beobachtung zu veränderten Essgewohnheiten.
Wie Glycin schmeckt
Eine Kleinigkeit am Rande, die viele überrascht: Glycin schmeckt leicht süsslich. Der Name kommt vom griechischen glykys für süss. In der Lebensmitteltechnik wird es unter anderem deshalb eingesetzt.
Und die Einordnung
Glycin ist kein exotischer Wirkstoff, sondern ein Grundbaustein, der in jedem Körper permanent gebraucht und umgesetzt wird. Das macht es interessant — denn genau diese zentrale Rolle im Körper zeigt, wie vielseitig Glycin eingesetzt wird. Seine Beteiligung an zahlreichen natürlichen Prozessen macht es zu einem spannenden Bestandteil für eine ganzheitliche Betrachtung.